In deinem Schatten

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Du wolltest immer nur mein Bestes, das weiß ich, und dafür liebe ich dich und danke ich dir. Mein Bestes hattest du immer schon lange vor mir im Blick, warst mir selbst immer mindestens zwei Schritte voraus auf meinem Weg, warst so schnell, dass ich gar nicht hinterherkam und es schließlich aufgab, dich einholen zu wollen. Ich ließ dich meine Entscheidungen treffen, ließ dich Wege einschlagen, die ich selbst vielleicht nie gegangen wäre, und lief dir trotzdem immer nach. Du räumtest mir Steine aus dem Weg, noch bevor ich überhaupt Hindernisse sah, gingst nie einen Umweg, folgest immer einem Ziel. Und ich, ich lief dir nach, ließ dich gewähren, hatte mich schon längst daran gewöhnt, hinter dir zu gehen, dir den Vortritt zu lassen auf dem Weg, der doch eigentlich meiner war. Und das Ziel dieses Weges, das doch eigentlich auch meines hätte sein sollen, war schon längst deines geworden, oder besser das, von dem du meintest, es sei mein Ziel.

Du hattest immer klar vor Augen, wohin meine Reise gehen, an welches Ziel mein Weg führen sollte, hattest stets einen Plan und immer alles im Blick. Deine Augen waren immer nach vorne gerichtet, dein Schritt war stets schnell, zielstrebig, ohne Stopp, ohne sich einmal umzusehen, ohne einmal zur Seite, nach oben oder unten zu blicken, ohne zu bemerken, dass es außer diesem Weg vielleicht noch andere Routen geben könnte. Vor allem aber verlorst du dabei mit deinem immer vorwärts gerichteten Blick wohl ein wenig mich aus den Augen. Ich wäre gern ab und zu einmal stehen geblieben, hätte mir gewünscht, mich an manchen Orten etwas länger umsehen zu können, wäre ab und zu vielleicht anders abgebogen, hätte gerne hin und wieder innegehalten, Luft geholt, Kraft getankt, an Kreuzungen eine kurze Pause gemacht, das Tempo verlangsamt, einmal durchgeatmet, bevor es weiterging. Aber ich hatte mich schon viel zu sehr daran gewöhnt, in deinem Schatten zu laufen, hinter dir her zu gehen auf diesem Weg. Ich wollte dich nicht verlieren, ich folgte dir nach, weil ich wusste, dass ich dir vertrauen kann und wohl auch, weil ich Angst davor hatte, was ohne dich wäre. Ich dachte, ohne deinen Weitblick und deine Zielstrebigkeit würde ich mich verlaufen, ich hatte Angst, mich zu verirren und nicht mehr weiterzukommen. Dir zu folgen war immer sicher.

Vor mir lag stets eine glatte, ebene, breite Straße, auf der du alle Hindernisse beseitigt, alle Stolpersteine aus dem Weg geräumt hattest. Du wolltest immer verhindern, dass ich stolpere, falle, mich verletze, dass ich einen falschen Weg einschlage oder gar vom Weg abkomme. Du hast alles dafür getan, meine Reise so einfach und so angenehm wie möglich für mich zu machen. Ich weiß das, und dafür bin ich dir sehr dankbar. Du wolltest (und willst und wirst es wohl immer wollen) mich stets schützen und beschützen, du willst nur mein Bestes, willst, dass ich glücklich werde. Aber je länger ich dir folgte auf diesem Weg, der sich schon lange nicht mehr wie meiner anfühlte, desto unglücklicher, unsicherer wurde ich. Statt mich auf mich selbst zu verlassen, ließ ich dich vorausgehen. Statt auf mich selbst zu hören, ließ ich dich für mich sprechen. Statt selbst zu denken, zu fühlen, zu glauben, zu meinen, ließ ich dich meine Entscheidungen fällen.

So sehr war ich es gewöhnt, in deinem Schatten zu laufen, dass ich mich wohl bald selbst darin verloren hätte. Bald hätte nicht mehr gewusst, wo mein Schatten aufhört und deiner anfängt, die Grenzen wären verwischt, verschwommen, ineinander gelaufen. Bald hätte ich meinen Schatten wohl nicht mehr erkannt oder unterscheiden können von dem großen anderen schwarzen Schatten darum herum. Ich war nahe daran, mich selbst zu verlieren, mich irgendwie aufzulösen und zu etwas anderem zu werden, ohne sagen zu können, ob dies etwas Gutes oder Schlechtes wäre. Ich hatte das Gefühl für mich selbst verloren (falls ich es denn überhaupt jemals gehabt hatte), und es war mir auch irgendwie egal. Irgendetwas würde schon aus mir werden, ich müsste ja nur diese Straße weitergehen.

Fast hätte ich es auch getan; ich wäre vermutlich auch auf diese Weise irgendwie irgendwann irgendetwas geworden. Es hätte am Ende wohl nur nicht mehr viel mit mir zu tun gehabt. Ich zog mich immer mehr zurück, von allem und allen, irgendwie auch von mir selbst, bis ich am Ende fast schon froh war, wenn mich in deinem großen Schatten niemand wirklich sah.

Und so dachte ich auch nicht, dass jemand anders mich tatsächlich sehen würde in deinem großen Schatten. Ich glaubte nicht, dass es jemanden gäbe, dem der andere Schatten, der Schatten um mich herum, egal ist, und sei dieser noch so groß. Ich dachte nicht, dass jemand in all dem Schwarz wirklich nur mich sehen wollte und konnte, nur mich, nur meinen Schatten, meinen Umriss, und das klarer, deutlicher, heller und sicherer als ich es selbst jemals gekonnt hätte. Jemanden, der klare Grenzen sah zwischen mir und dem „Drumherum“, der mich ansah, durch mich hindurch und in mich hinein sah, und das, was er nicht sehen konnte, mit Fragen zu finden versuchte, Fragen, die ich doch selbst noch lange nicht beantworten konnte. Ich musste mich selbst erst einmal wiederfinden. Nein, ich musste mich selbst überhaupt erst finden, mich sehen, ansehen, in mich hineinsehen, mit meinen eigenen (und manchmal auch seinen) Augen schauen, meinen Weg ausmachen, meinen Weg, mit Kurven und Unebenheiten, mit Höhen und Tiefen und Hindernissen und Stolpersteinen, mit Weggabelungen und Kreuzungen, und vor allem ohne ein Ziel, das ich in tausenden Kilometer Entfernung von hier aus schon klar sehen kann.

Warum „der Weg das Ziel“ ist, verstehe ich erst jetzt langsam, und so gehe ich auch, Schritt für Schritt, nicht ziellos, aber auch nicht mit einer Karte in der Hand, auf der alle Wege eingezeichnet sind. Ich mag langsam gehen, ich mag auch einmal falsch abbiegen, stolpern oder fallen. Ich mag falsche Entscheidungen treffen, auch einmal stecken bleiben oder Umwege gehen, aber all das will ich bewusst tun. Ich will endlich meinen Weg gehen, in meinem eigenen Tempo, auf meine eigene Weise. Ich will sehen, wohin mich mein Weg führt, wem ich auf der Reise begegne, und wo ich am Ende ankomme. Ich weiß nicht, was geschehen wird, aber ich weiß eines: „Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“. Den habe ich gerade gemacht, und es fühlt sich verdammt gut an.

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© Falina, 2011

Ein Gedanke zu “In deinem Schatten

  1. Seltsam wie man manchmal den richtigen Mensch an einer Stelle im Leben trifft, der einem hilft mutig zu sein, neue Wege einzuschlagen und sich zu verändern. Allerdings liegt es auch immer an einem selber, diesen Menschen zu sehen und sich auf Neues, Unbekanntes, womöglich Unsicheres einzulassen.
    Ich bin stolz auf das, was du bis jetzt erreicht hast und wünsche mir manchmal dieselbe Kraft :)

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