Ich hasse Arroganz, ich hasse Ignoranz, vor allem aber hasse ich „Spielchen“. Ich schätze Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Toleranz, Akzeptanz und Respekt. Ich gestehe jedem Menschen die Freiheit zu, so zu sein, wie er/sie ist, so zu leben, wie es ihn/sie glücklich macht – und alles, was ich möchte, ist nicht mehr, als dass das umgekehrt genauso ist. Allerdings scheint das manchmal ein ziemlicher großer Wunsch zu sein…
Ich bin jemand, der sich belastende Dinge einfach von der Seele schreiben oder reden muss und will, weil es gut tut, über etwas zu sprechen, etwas in Worte zu fassen, was mich sonst nur von innen heraus auffrisst. Ja, wenn ich verzweifelt bin, heule ich auch mal, und ich schäme mich deswegen auch nicht. Es geht mir danach besser, es befreit, es ist wichtig – für mich. Ich weine lieber einmal zuviel, als Dinge in mich hineinzufressen, zu versuchen sie zu verdrängen oder zu vergessen, weil das erstens sowieso nicht funktioniert und es zweitens alles nur noch schlimmer macht. Wenn ich jemand anderem dann z.B. erzähle, dass ich in unserem letzten Gespräch deshalb so schweigsam war, weil ich mir höllische Sorgen gemacht habe, dass jemand aus meiner Familie womöglich schwer krank ist (was, wie sich herausgestellt hat, zum Glück nicht der Fall ist) und ich deshalb mit den Gedanken ganz woanders war, dann erwarte ich von meinem Gegenüber keine Lösung, kein ‘Rezept’, keine Tipps, kein Allheilmittel. Ich möchte es nur jemandem erzählen, ich möchte nur, dass mir jemand zuhört. Ja, vielleicht ist das irgendwie egoistisch, vielleicht ist es in manchen Situationen für den anderen auch nicht immer ganz leicht, aber ich entschuldige mich nicht dafür, so zu sein, wie ich bin.
Ich bin alles andere als perfekt, ich bin nicht unfehlbar, und möchte das auch gar nicht sein. Ich bin auch nur ein Mensch und habe, wie jeder andere auch, Schwächen und Fehler. Und wer mich kennt, der weiß (oder sollte zumindest wissen), dass ich manchmal vielleicht etwas zuviel erzähle, aber dass das, was ich sage, ehrlich und aufrichtig ist. Wenn dann die einzige Reaktion auf meine Erklärung, warum ich so schweigsam war, der Satz „Ich wollte gar keine Erklärung“ ist, dann weiß ich in dem Moment gerade nicht mehr, ob die Person, die das sagt, mich wirklich so gut kennt, wie sie behauptet. So etwas erzähle ich nicht einfach irgendjemandem; die Menschen, denen ich so etwas sage, sind naheliegenderweise diejenigen, denen ich am meisten vertraue. Von einem solchen Menschen anschließend einfach so, ohne Erklärung, ohne für mich erkennbaren Grund, zwei Wochen lang mit Schweigen „bestraft“ zu werden finde ich… ja, ich finde es verdammt unfair, und ich denke, ich habe etwas mehr verdient als das. Zumindest einen kurzen Satz wie „Ich kann/will gerade nicht mit dir reden“, das wäre schon alles, worum ich bitten würde. Nur diese paar Worte, keine Erklärungen, keine Ausführungen, kein gar nichts. Ich weiß nicht, was daran so schwierig ist. Wenn ich gar nichts höre, wenn ich sogar offensichtlich absichtlich ignoriert werde, dann frustiert und verletzt mich das schon. Vor allem aber fange ich bald an, mir Sorgen um den anderen zu machen. Vielleicht ist das ja typisch Frau, vielleicht haben wir so etwas wie ein „Sorgen-Gen“, ich zumindest kann nicht anders. Alles, was ich will, ist, dass es den Menschen, die mir wichtig sind, gut geht. Und je mehr Zeit ohne ein Lebenszeichen des anderen vergeht, desto größer werden meine Sorgen; ich habe ja keine Ahnung, was los ist. In diesem Fall war einfach von einem Tag auf den anderen plötzlich Funkstille, plötzlich Eiszeit (und das nicht zum ersten Mal). Und ich sitze hier und kann nur raten, was der Grund dafür war, dass ich so „bestraft“ werde. Wie gesagt, ich mache Fehler, und ich habe auch kein Problem damit, mich für mein Fehlverhalten, sollte es denn eines gegeben haben, zu entschuldigen. Ich hätte nur gerne die Chance und die Möglichkeit, das zu tun. Aber wenn mir diese Chance entzogen wird, was soll ich dann machen?
Noch vor zwei Jahren, wahrscheinlich auch noch vor einem Jahr, hätte es mich echt fertiggemacht. Ich hätte mich fertiggemacht, den Fehler bei mir gesucht, die Schuld ganz bei mir gesehen, wäre abends heulend im Bett gelegen und hätte mir das Hirn zermartert, was es gewesen sein könnte, das ich gesagt, gemacht, getan, nicht gesagt, nicht gemacht, nicht getan habe, was der Grund dafür sein könnte, dass ich mit Schweigen gestraft werde. Am Ende hätte ich alles, was ich jemals gesagt, gemacht, getan hätte, zutiefst bereut und mir gewünscht, alles zurücknehmen, alles rückgängig machen zu können. Es war ein langer und harter Weg, davon weg- und loszukommen, genügend Selbstvertrauen aufzubauen, mich so okay zu finden, wie ich bin, zu mir zu stehen und auch einmal meine Meinung zu sagen, anstatt es immer nur anderen recht machen zu wollen oder die Erwartungen zu erfüllen, von denen ich dachte, dass sie andere an mich haben. Heute muss ich mich nicht mehr über jemand anderen definieren, und endlich bin ich soweit, sagen zu können, „Wenn du ein Problem mit mir hast, dann ist es dein Problem, nicht meins“.
Wenn ich etwas sage, dann ist es auch ehrlich so gemeint; ich sage das, was ich sagen will, so, wie es sich für mich richtig anfühlt, ohne Erwartungen zu haben, ohne auf eine bestimmte Reaktion abzuzielen. Wenn ich zu jemandem sage, „Ich vermisse dich“, dann weil ich diese Person wirklich vermisse, und nicht, weil ich als Antwort hören will, „Ich dich auch“. Ich kann in der Zwischenzeit gut mit Ehrlichkeit umgehen; mir ist eine aufrichtige Antwort lieber als gar keine oder eine nur geheuchelte. Und wenn ich keine Antwort auf eine Frage will, dann stelle ich diese Frage gar nicht erst. Diese oft typischen „Frauenspielchen“ wie von Michael Mittermeier so treffend beschrieben (Nach dem Kinobesuch fragt die Frau den Mann, „Findest du Halle Berry hübscher als mich?“ – Was soll der Mann da antworten?! Egal, was er sagt, es kann nur falsch sein), so etwas will ich nicht tun, das kann ich nicht, das bin ich nicht (mehr). Es verkompliziert das Leben so sehr, es macht alles nur schwieriger und führt in erster Linie zu nichts anderem als Missverständnissen. Auch das zu erkennen war ein langer Weg, aber ich bin froh, dass ich daraus gelernt habe und jetzt anders bin. Allerdings kann mir niemand erzählen, dass solche „Spielchen“ nur „typisch Frau“ sind. Mich zwei Wochen absichtlich zu ignorieren, nur um mir eine „Lektion“ zu erteilen, mich zwei Wochen lang anzuschweigen, weil ich es ja „nur so“ verstehe, das ist für mich auch so eine Art von Spielchen. Und darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust mehr. Ich will mir kein schlechtes Gewissen mehr einreden lassen für etwas, das der andere vielleicht einfach falsch verstanden hat. Ich will mir keine Vorwürfe machen, weil ich etwas gesagt habe könnte, das eventuell nicht der Erwartungshaltung des anderen entsprochen hat. Ich entschuldige mich heute nicht mehr für meine Gedanken und Gefühle und versuche weder meine Taten noch meine Worte zu bereuen.
Ich kann verstehen, dass es im Leben eines Jeden Situationen gibt, in denen man so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass man niemand anderen in sein Leben lassen kann; ich kenne das, ich weiß, wie das ist, ich habe es selbst erlebt. Ich kann verstehen, dass es einem manchmal unmöglich ist, sich mit den Problemen anderer noch zusätzlich zu „belasten“, weil man selber schon genügend Probleme hat, und ich will auch niemand sein, der das Leben eines Menschen, der mir wichtig ist, noch schwieriger macht als es ohnehin schon ist, im Gegenteil. Ich akzeptiere und respektiere auch, dass jemand anders nicht so über seine Gedanken und Gefühle sprechen kann oder will wie ich, und ich zwinge niemanden dazu, mir etwas zu erzählen, was er/sie nicht möchte. Aber mir zu unterstellen, dass ich absichtlich ignorant bin und absichtlich nicht verstehen will, das ist einfach nicht wahr. Ich glaube, ich verstehe sogar sehr gut. Nur ist es verdammt schwer, das jemandem verständlich zu machen, der vielleicht gar nicht anders kann als Dinge „totzuschweigen“ und der es gewohnt ist, alles mit sich selbst auszumachen. Ich bin dabei, das zu akzeptieren und zu respektieren, auch wenn es mir nicht leicht fällt. Ich bin dabei zu lernen, mich nicht durch das Verhalten anderer verletzen zu lassen und niemandem mehr hinterherlaufen, der genau weiß, dass mich sein Schweigen verletzt. Ja, es tut mir weh zu sehen, dass einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben offensichtlich nicht glücklich ist, sehr weh sogar. Aber solange ich nur zurückgestoßen werde und das Gefühl habe, gegen eine Wand zu laufen mit jedem noch so kleinen Schritt, den ich auf ihn zugehe, solange bleibe ich einfach hier stehen und warte darauf, ob und wenn ja wann er wieder auf mich zugeht. Ich werde da sein; ich will ihn nicht so behandeln wie er mich, denn er ist und bleibt mir wichtig. Aber inzwischen geht mein Leben auch allein weiter seinen Weg, und das gar nicht mal so schlecht :).
[Puh, das war jetzt viel Text - klassischer Fall von "sich etwas von der Seele schreiben" eben ;).]